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– Sie lieben Ihre Tochter?

– Wenn man davon absieht, dass ich keine habe: abgöttisch.

– Der Mann in Ihrer Geschichte: Hat er nie daran gedacht, ein Ende zu setzen?

– Der Entschluss existiert seit langem, das sagte ich bereits.

– Das ist kein Entschluss, sondern eine Milchmädchenrechnung: Wenn ich so und so lange in dieser Geschichte aushalte, bekomme ich eine andere geschenkt.

– Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Ich glaube, so denkt dieser Mann nicht. Er denkt überhaupt nicht in Geschichten, er ist eher verwundert, wenn ihm eine passiert.

– Das nenne ich arrogant.

– So nennen ihn viele.

– Auch seine Freunde?

– Auch seine Freunde.

– Sofern er welche hat, was ja eher zweifelhaft ist. Trotzdem bleibt es eine Milchmädchenrechnung, vielleicht eine arrogante Abart, da mögen Sie Recht haben. Denkt er nicht daran, dass so ein Leben vergeht, also auch seines, dass ein verpasstes Leben nicht nachgeholt werden kann?

– Doch, daran denkt er, und er fragt sich, ob er etwas verpasst. Er ist sich aber nicht sicher.

– Weil er hochmütig ist.

– Da bin ich mir nicht sicher. Sie können es auch Demut nennen, was gesellschaftlich weniger gut konnotiert ist, aber im Effekt bleibt es sich gleich. Ihm spukt so ein Satz im Kopf herum: Hier ist kein Ende des Irrens, denn der Weg ist der Irrtum.

– Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

– Schon gut. Der Satz vom Irrtum meint Eros, den Türenöffner und ‑schließer.

– Das klingt mir zu abgehoben. Was macht Ihr Freund beruflich?

– Abgesehen davon, dass er nicht mein Freund ist, mag ich darüber nicht reden. Lassen wir es im Dunkeln. Ein Mensch hat seine abgeschatteten Seiten, dieser hier leidet darunter, dass ihn alle Welt nach seinem Beruf fragt.

– Das verstehe ich nicht.

– That’s it. Mit dem Beruf geht es ihm wie mit der Frau: er müsste ihn aufgeben. Stattdessen füllt er ihn aus.

– Der Beruf den Mann oder der Mann den Beruf?

– Der Mann den Beruf. Er hat aber noch Kapazitäten übrig.

– Wie schön für ihn.

– Das klingt spitz, und das war’s, was ich sagen wollte. Aber wie Sie sehen, ist es mir gerade entfallen. So kann’s gehen. Da fällt es mir wieder ein. Sehen Sie, der Mann lebt ja nicht aus der Welt. Ich meine, er ist keiner, der sich versteckt. Manchmal lässt er sich im Gespräch hinreißen, er redet dann anders, stockend, auf irgendeine Weise hingegeben, man merkt, er ist bei der Sache, auch wenn man nicht – oder nicht gleich – begreift, um was für eine Sache es sich dabei handelt, aber das kann einem schließlich egal sein. Übrigens redet er wirklich gern, obwohl man nicht sagen kann, er höre sich gerne reden, das nicht. Eigentlich redet er zu sich selbst, er entfaltet gern die Dinge im Reden, er beschaut sie sich, dreht sie nach allen Seiten, vergisst gerne Zeit und Ort, Sie kennen den Typ. Sie lächeln, obwohl ich sicher bin, dass Sie ihn nicht wirklich kennen, aber Sie glauben, dass Sie ihn kennen. Das meinte ich. O, ich will Sie nicht kränken, das liegt mir fern. Ich mag Sie.