Nachlass

DIE FRAU ist nicht eine, sie ist viele. Es ist nicht mehr die Arbeit, die den Kreis der Freundinnen zusammenschweißt, das war einmal, inzwischen verteilen sie sich auf mehrere Schulen, die eine oder andere ist aus dem Schuldienst ausgeschieden oder hat ›reduziert‹, die damit verbundenen Erregungen sind abgeklungen, heute verbindet sie die permanente Verfügbarkeit von Auto und Telefon, die wöchentliche Runde beim Italiener oder Türken oder Inder mitsamt Vor‑ und Nachbereitung, die kollektive Bewältigung von Lebenskrisen, nicht zu vergessen der grüppchenweise verbrachte Urlaub – letzterer ein nicht unheikler Punkt, denn wer mit wem wann wohin fährt, verrät einiges über den Stand der Finanzen sowie das Ausmaß der augenblicklichen Eifersüchteleien. Geplant wird früh, praktisch im Anschluss an die gerade vergangenen Ferien, das Gefühl der Unsicherheit, das sich sonst breitmachen würde, wäre unerträglich. Warum das so ist, weiß niemand, es gehört zu den Ritualen der Kaste, der man angehört, über so etwas denkt man nicht nach. Wer einen anderen Lebensrhythmus besitzt, wer etwa das Bedürfnis verspürt, spontan zu verreisen, besitzt schlechte Karten, er wird rücksichtslos an die Wand gespielt. Man kann nicht sagen, die Runde sei männerfeindlich, gelegentlich sitzt einer dabei, bei Geburts‑ und sonstigen ‑tagen trifft man sich selbstverständlich mit Anhang, über dessen Köpfe hinweg sich binnen weniger Minuten das Gespräch derer erhebt, die hier das Sagen haben. Die mitgebrachten Männer langweilen sich, führen Männergespräche, die daran kranken, dass alle seit Jahren miteinander ›nichts anfangen‹ könnten, sie wissen, dass sie im gemeinen Leben einander nicht einmal wahrzunehmen, geschweige denn zu schätzen bereit wären, während so, wie die Dinge nun einmal stehen, sie bis in intime Details über den jeweils anderen unterrichtet sind, was den Sympathiepegel keineswegs treibt.